Liebe Leserin und lieber Leser,

wenn diese Gedanken auf der Homepage des Pastoralen Raumes erscheinen, dann sind fast zwei Dekaden des Monats Mai bereits vorbei. Durch die Erinnerung an das Kriegsende und deren verschiedenartigsten Gedenkfeiern und nicht zuletzt auch durch die Covid-19 Pandemie ist sie vielleicht etwas untergegangen: Jene Königin, die dieser Monat begrüßt:

Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen.

O, segne ihn mit gütgem Sinn und uns zu deinen Füßen!

Maria, dir empfehlen wir, was grünt und blüht auf Erden,

laß uns in dieser Pracht und Zier das Werk des Schöpfers ehren.

(GL 896, T. Guido Görres 1842)

Als Kinder freuten wir uns unbändig auf den Maienmonat und auf alles, was damit zusammenhängt: das Aufbrechen der Natur, die wärmenden Sonnenstrahlen und wahrscheinlich auch auf die Nähe, die von der Gottesmutter ausgeht. Heißt es doch in der nächsten Strophe:

                        Behüte auch, Maria rein, du größte aller Frauen,

das Gottesvolk, die Kinder dein, im Glauben und Vertrauen

zu Jesus Christus, deinem Sohn, dem Retter und Befreier.

Lobpreis durch ihn in Ewigkeit des Vaters Macht und Treue.

                                                                                               (GL 896, T. Osnabrück 1975)

Wir – die Kinder dein – kommen in diesem Lied vor, bauten zu Hause einen kleinen Marienaltar auf, pflückten jeden Tag Gänseblümchen für die zierlichen Väschen und gingen des Sonntags in die Maiandacht. Dort sangen wir aus vollem Herzen:

                        O öffne Himmelskönigin, im Lied uns Herz und Stimme,

                        zu danken Gott im Heiligen Geist, dass wir sein Lob stets singen,

                        der Christi Kirche ward gesandt in Sturm und Feuerflammen,

                        zu führen sie mit seiner Hand durch alle Zeiten! Amen.

                                                                                                                              (GL 896, T. Osnabrück 1975)

Ich gebe zu, dass uns der Ausblick auf Pfingsten damals nicht wirklich bewusst war. – Aber was ist seitdem mit der Marienfrömmigkeit passiert? – so habe ich mich gefragt. Nun, zunächst sind wir keine Kinder mehr – oder doch? Jesus wächst in meinem Leben (hoffentlich!) vom Krippenkind zum Gott in Jesus Christus. Sollte das - und kann dies ähnlich - auch mit Maria geschehen? Ja – ist meine eindeutige Antwort. Sie sollte im Laufe meines Lebens jeweils einen neuen Platz einnehmen, in meine Frömmigkeit integriert werden: zum Beispiel als Schwester im Glauben und der Menschen, als Fürsprecherin und Trösterin der Betrübten und nahe bei Gott (im Himmel, wie das Kind sagen würde).

Schwieriger wird es, wenn Maria, die Makellose besungen, als ohne Erbsünde Empfangene, als Urbild der Kirche, als immerwährende Jungfrau verkündet wird. Hier muss der Kopf helfen, so zum Beispiel auch, wenn es in einem ganz alten Kirchenlied heißt: „Aus Gabrielis Mund nimmst du das Ave entgegen. So verwurzle uns im Frieden, wie du Evas Namen wendest.“ (Str. 2, Ave, maris stella, GL 520). Den Älteren ist dieses Lied aus dem alten Gotteslob eher bekannt (578) : 2. Du nahmst an das AVE / aus des Engels Munde. / Wend den Namen EVA, / bring uns Gottes Frieden.“ (T. EGB 1971 nach „Ave maris stella“ 9.Jh.).

Mit Maria, der neuen Eva, konnten meine jungen Referendare in der Ausbildung für den Lehrerberuf nicht viel anfangen. Ihre Generation ist zu wenig mit Tradition und Brauchtum der Ortskirche in Berührung gekommen, im Studium muss man nehmen, was im „Angebot“ ist, es gibt kaum die Zeit sich mit einer wirklichen Mariologie zu beschäftigen. Selbst in den Lehrplänen der Schulen wird Maria – zum Beispiel unter den Exemplarischen Menschen, wie z.B. Martin von Tours, Benedikt von Nursia, Mahatma Gandhi, Oscar Romero, Mutter Theresa … - nicht aufgeführt. In gewisser Weise ist es verständlich, denn, immer wenn im Kirchenjahr das Geheimnis unserer Erlösung entfaltet wird, blicken die Glaubenden auch auf Maria.

Maria, die neue Eva, ist für die jungen, selbstbewussten Frauen, irgendwie von gestern. Ihre Mütter hatten sich schon von der „Magd des Herrn“ „verabschiedet“ und auch von dem Frauenbild, welches sich aus der Frau speist, die den Apfel genommen hat.

Liebe Leserinnen und lieber Leser,

wie schade! Natürlich kommen auch mir bei so manchem Marienlied hin und wieder bedenken. Wir sollten schon verstehen, was wir singen! Vielleicht bedarf es einer ganz neuen Sprache, um die Maienkönigin wieder voll an unser Herz ranzulassen und in unser Herz aufzunehmen.

Viele Menschen sind sehr dankbar, dass das Lied Nr. 535 nun wieder im Gotteslob ist. Dort heißt es:

                                    Segne du, Maria, segne mich, dein Kind,

                                    dass ich hier den Frieden, dort den Himmel find!

                                    Segne all mein Denken, segne all mein Tun,

                                    lass in deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!

                                    Lass in deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!

                                    Segne du, Maria, alle die mir lieb,

                                    deinen Muttersegen ihnen täglich gib!

                                    Deine Mutterhände breit auf alle aus,

segne alle Herzen, segne jedes Haus!

Segne alle Herzen, segne jedes Haus!

                                                                                              (GL 535, T. Cordula (Peregrina) Wöhler (1870)

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche. Bleiben sie gesund!

Ihr Diakon i. R. Hans Spelters