Liebe Leserin und lieber Leser,

in dieser Woche am 8. Mai jährte sich der Tag des Kriegsendes nach 75 Jahren. Ich selbst werde in diesem Jahr 75 Jahre alt und mit diesem zeitlichen Abstand blicke ich auf das Vergangene zurück und lese in alten Quellen. Mein Onkel Karl (1919-2007) hat im Krieg Tagebuch geführt und seine Erfahrungen nach 50 Jahren in einem Buch mit dem Titel: »Der II. Weltkrieg. „Mein“ Krieg, 2100 Tage« niedergeschrieben. Er war für mich einer der wenigen „Zeitzeugen“, der vom 31.08.1939 – 1.06.1945 diesen Krieg als Soldat erlebt hat und mit dem man offen darüber sprechen konnte.

Gleich zu Beginn seines Erlebnisberichtes schreibt er: „Nun wurde es ernst. Es war ein schwerer Abschied von Vater und Mutter, von den Geschwistern. Mein Vater bat mich ins Schlafzimmer, betete mit mir und gab mir seinen Vatersegen.“ – Mich berührt dieser Satz auch heute noch, weiß ich doch, dass Hoffnung und Zuversicht auf den Segen Gottes, Onkel Karls ganzes Leben getragen hat.

Nach 2100 Tagen schreibt er: „Ich war wieder zu Hause: was ich all die Jahre so sehnlichst gewünscht hatte, war eingetreten. Ich lebte! Warum lebte ich? Warum war ich nicht auch in so vielen verflixten Situationen gefallen, wie so viele Kameraden neben mir, um mich herum? Warum mußten sie sterben, während ich noch lebe? – „Gott, unergründlich ist dein Urteil, unerforschlich sind deine Wege. Kein Mensch kann dich begreifen“ –

Nach einer kurzen Selbstreflexion beschreibt er dann die kleine Welt, in die ich hineingeboren wurde: „Ich war wieder bei meinen Eltern, in der Familie geborgen. Wie hatte ich mich auf diesen Augenblick gefreut, ja, wie hatte ich mich nach diesem Augenblick gesehnt! Wie oft hatte ich geträumt, daß dieser Augenblick gekommen sei! Fünf Jahre und neun Monate konnte ich von meiner Jugendzeit streichen. Hatte ich überhaupt eine Jugendzeit erlebt? Was hatte ich in dieser Zeit an Schwerem und Schwerstem durchgemacht!

Aber, ich war ja noch jung, zwar vom Erlebten gezeichnet, reifer geworden, doch jetzt mußte das Leben neu beginnen. Vieles war zerstört, ringsum war selten noch ein Stein auf dem anderen, doch die Hoffnung und der Mut zum Leben waren nicht zerstört.

Gleich am nächsten Tag ging ich mit meinem Vater und meiner Schwester Maria in unsere schwer beschädigte Wohnung in der Köpfchenstraße. Es sah furchtbar aus. Eine Bombe war genau zwischen die Häuser Nr. 1 und Nr.3 gefallen. Durch die Wucht der Detonation war unser Haus auf dem Bruchsteingrundmauern um einige Zentimeter verschoben (etwa 5 cm), das Zimmer über dem Eingang vom Haus abgerissen. Das Dach des Hauses war vollständig abgedeckt, aber von meinem Vetter Willi Freitag, der nebenan in Nr. 5 wohnte, notdürftig mit Blechplatten wieder zugedeckt worden.

Zuerst räumten wir den Schutt aus den Zimmern. Der Putz an den Decken war heruntergefallen, so daß die Spalierplatten zum Vorschein kamen. Die Fenster schlossen wir mit Pappe, größeren Glasscherben und Glas aus Bilderrahmen, das wir noch fanden. Die Haustüre machten wir wieder gangbar. Die beiden Zimmer in Paterre (Küche und Wohnzimmer) versuchten wir einigermaßen wohnlich zu gestalten. Die großen Löcher in den Wänden verschmierte ich mit dem Lehmputz der Decke. Unter die Decke spannten wir Betttücher, damit uns nicht Reste von dem Putz auf den Kopf – und in die Suppe – fielen. Im Wohnzimmer stellten wir drei Betten auf. Ich bekam ein Lager in der Küche, das wir am Tage wegräumten. Mehrere Bomben waren rings um das Haus, teils auf den an unserem Garten stehenden Hochbunker gefallen. Ein Blindgänger lag im Garten, der bei einer Detonation das Haus weggerissen hätte.

Nun wohnen, oder hausten, wir wieder in unserer Wohnung. Es war alles trostlos, doch wir waren glücklich, daß keiner aus der Familie im Krieg umgekommen war. –

Aber am 8. 8. 1945 verstarb mein lieber Vater.“

Liebe Leserin und lieber Leser,

nebenan in der Köpfchenstraße Nr. 5 bin ich mit zwei älteren Geschwistern aufgewachsen. Mein Bruder war bei Kriegsende 12 und meine Schwester 9 Jahre alt. Sie – die Kriegskinder - habe ich in diesen Tagen besonders im Blick. Sabine Bode titelt ihr Buch: »Die vergessene Generation«. Sie tragen die Kriegsvergangenheit heute noch auf ihren Schultern. Ihre Erlebnisse und äußeren Verletzungen wurden unter dem Schutt der zerstörten Häuser begraben. Meine Geschwister haben mit mir – im Gegensatz zu Onkel Karl – nie darüber gesprochen. Es scheint fast so, als seien ihre inneren Seelentrümmer mit dem Wiederaufbau ein zweites Mal begraben worden.

Manchmal denke ich aber auch, dass die Kriegskinder mit ihren Eltern genug mit dem Überleben nach dem Krieg zu tun hatten. Dafür, dass sie am Beginn meines Lebens die äußeren Trümmer beseitigt und mir einen „geschützten Raum“ gegeben haben – bin ich ihnen sehr dankbar. Nachdenkich macht mich der Untertitel des Buches von Sabine Bode, der da lautet: »Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen«. - Habe ich da nicht hingehört? - Nun ist es mit Blick auf meine Geschwister zu spät.

Nicht zu spät ist es für die Nachkriegskinder. Sie hatten – wie ich - 75 Jahre Zeit den Frieden in Deutschland auszukosten und den Anfängen von Rassismus, Ausgrenzung und Antisemitismus zu wehren. Schon die Bezeichnung Nachkriegskinder sagt aber auch aus, dass sie noch mit dem Krieg irgendwie verbunden sind und bleiben. Genauso wie unsere Kinder, die sogenannten Kriegsenkel, die auch an der Erinnerung mitzutragen haben.

Vor 75 Jahren gab es jenen historischen Moment, in denen die Zukunft die Richtung wechselte, vielleicht wiederholt sich angesichts der Pandemie in diesem Sinne die Geschichte.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Woche. Bleiben sie gesund!

Ihr Diakon i. R. Hans Spelters